Blühendes Friesland

Mittwoch, 19. Mai 2021

Auf Bockhorns Grün soll es demnächst brummen ...


Auf Bockhorns Grün soll es demnächst brummen. Was zunächst nach trockenem Schulungsthema klang, entwickelt sich bei den Mitarbeitern des gemeindlichen Bauhofs zu einem Herzensthema: Die Extensivierung der Pflege des Straßenbegleitgrüns und öffentlicher Grünflächen. Petra Walentowitz von MOBILUM, der Mobilen Umweltbildung, informierte die Männer in Orange über die Bedeutung und die Dringlichkeit des Erhalts der Biodiversität. MOBILUM ist ein Projekt des NABU Niedersachsen.

Dass die Artenvielfalt von Insekten ein wichtiges Thema ist, wussten die Bauhofmitarbeiter schon vor der Schulung, darum legen sie schon seit einigen Jahren u. a. auf dem Gelände des Bauhofes oder dem der Dorfgemeinschaft in Osterforde Blühflächen an. „Neben der Nahrung spielen aber auch die Aspekte Kinderstube und Überwinterung eine wichtige Rolle“, so Petra Walentowitz, „da geht es den Insekten wie den Menschen“. Fehlt z. B. die Möglichkeit der Eiablage, weil intensiv und häufig gemäht wird, gerät die nächste Insektengeneration in Gefahr – mit ihr die Vögel, die sich und vor allem ihre Küken mit Insekten ernähren. Und das Artensterben schreitet weiter dramatisch voran: Von den 212 in Niedersachsen ursprünglich brütenden Vogelarten sind 92 gefährdet und 14 bereits ausgestorben.

Schnell wird den Bauhofleuten klar, dass Blühwiesen zwar ein richtiger, aber nur ein erster Schritt in die richtige Richtung sind: Auch die Pflegemaßnahmen auf öffentlichen Grünflächen und beim Straßenbegleitgrün müssen so aussehen, dass die heimische Flora und Fauna erhalten bleibt und gefördert wird. „Optimal wäre es, wenn man die eine oder andere Fläche einfach mal durchwachsen lassen würde. Der Boden hält eine überraschende Vielfalt an heimischen Blumen, Kräutern und Gräsern bereit“, sagt Petra Walentowitz. Auch bei Anwendung der 10/10-Regel könne man viel bewirken: Hier werden bei der Pflege 10 % des Bewuchses stehen gelassen und mit der Pflege erst ab 10 cm über dem Boden begonnen; dies schont viele Lebewesen, die sich in der nahen Bodenschicht aufhalten und entwickeln. „Das kann man auch durchaus im eigenen Garten machen“, stellt Petra Walentowitz fest.

Am Ende der Schulung ist klar: Die Bauhofmitarbeiter möchten unbedingt weitere Maßnahmen ergreifen, um zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen, und entscheiden sich dafür, einzelne Flächen durchwachsen zu lassen. „Das sind natürlich nur gemeindeeigene Flächen“, sagt Frank Mucker, „ich bin gespannt, was sich dort entwickelt“. Und Frank Picker, der seit 30 Jahren die gemeindlichen Straßen, Wege und Plätze mäht, ergänzt: „Das wird schon eine Umstellung sein, auf einmal bestimmte Bereiche gerade nicht zu mähen“.

Beginnen wollen sie mit verschiedenen Flächen im Gemeindegebiet: Der Wiese am Dorfgemeinschaftshaus in Osterforde, dem Dorfplatz in Grabstede und am Löschteich an der Wiesenstraße. Auch das Straßenbegleitgrün an der Kranenkamper Straße, am Lehmweg und am Prophetenhörn sowie der Behelfsparkplatz am Erlebnisbad sollen erst einmal in Ruhe und sich selbst überlassen werden. „Indem wir Streifen zu den Nachbargrundstücken mähen, wollen wir vermeiden, dass Grün dort hinüberwächst“, sagt Frank Picker und hofft, dass die Bockhorner Bürger von dem Vorhaben ebenso zu überzeugen sind wie die Bauhofkollegen. „Auch wenn eine ungemähte Fläche auf den ersten Blick ein bisschen unordentlich aussehen mag, möchten wir vom Bauhof diesen Versuch gerne starten. Das ist unser Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt“, sagt Frank Mucker.

 

Mit Fotos hat Frank Picker den Ist-Zustand der Flächen Ende April dokumentiert; die weitere Entwicklung des Flächenbewuchses wird in den nächsten Wochen und Monaten mit weiteren Aufnahmen festgehalten. „In unseren Fahrzeugen haben wir Flyer – wenn jemand Fragen zum Thema Artenvielfalt bzw. Pflegemaßnahmen hat, geben wir die gerne heraus“, sagt Frank Picker. Überhaupt hoffen die Bauhofmitarbeiter auf eine wohlwollende und offene Begleitung des Projektes durch die Bockhorner: „Über ein Feedback der Bürger würden wir uns sehr freuen“, betont Frank Mucker, „nicht nur zu Anfang, sondern auch über die gesamte Laufzeit des Versuchs sind wir für Rückmeldungen dankbar“.

Größere oder besonders exponierte Flächen werden ein Schild mit der Aufschrift „Blühendes Friesland“ erhalten, das vom Landkreis Friesland erstellt wurde. Neben dem Landkreis Friesland und MOBILUM beteiligen sich die Straßenmeisterei Jever, die Gemeinde Sande, das Regionale Umweltzentrum Schortens, der NABU Sande und der BUND, Kreisgruppe Friesland, an dem Pilotprojekt „Extensivierung der Pflege des Straßenbegleitgrüns und öffentlicher Grünflächen".